Rache der Radieschen


Die virtuelle Jungfrau kam am Chinesischen Turm zu meiner Bierbank. Nur ein paar schmale Stoffstreifen an. Es war zu heiß zum Bügeln.
Sie beäugte meine Spareribs. Sofort schirmte ich das Fleisch mit den Armen ab. Zumal auf ihrem Tablett neben der ziemlich glutenfrei ausschauenden Radlermaß nur ein Bündel Radieschen lag.„Keine Angst“, sagte die Frau. „Ich wollte nur fragen, ob der Platz Ihnen gegenüber frei ist.“

 

Boah! Eine schöne dreiviertelnackte Frau wollte sich zu mir setzen. Ich schaltete vom Fresstrieb auf den anderen um, nickte und fischte im Kopf nach ein paar taoistischen Sprüchen. Die kommen bei Frauen mit Radieschen immer gut an.


Sie setzte sich hin. „Rotes Fleisch ist krebserregend“, sagte sie. Wenn Blicke töten könnten, wären meine Spareribs jetzt tot. Zum Glück waren sie’s schon. Sie lächelte ihre Radieschen an, als ob sie Lustkugeln wären und schob sich eins in ihren Erdbeermund.


„Das sieht Lao Tse anders“, sagte ich. „Lao Tse meint: ‚Es gehört schon eine Menge Mut dazu, schlicht und einfach zu erklären, dass der Zweck des Lebens ist, sich seiner zu erfreuen.‘“

 

Die taoistische Weisheit hat sie krass überrascht. Wegen meiner Umlaute und der Spareribs hatte sie sicher gedacht, so ‘n depperter Ausländer und jetzt: Der Guru schlechthin! „Sind Sie ein Taoist?“, fragte sie.

 

„Voll!“, sagte ich.

 

„Die Taoisten wussten Bescheid“, sagte sie. „Könnte ich von Ihnen ein Rippchen probieren?“ …

 

„Scheiße!“, dachte ich und sagte schnell: „Rotes Fleisch ist krebserregend!“

 

„Nur in der Wurst“, sagte sie und krallte sich eine Rippe von mir. Voll die Eva. … „Ich heiße Laura“, sagte sie. „Bin eine Jungfrau!“

 

„Echt?“, fragte ich. „Noch mit Vierzig?“ Sie starrte mich böse an. Upps! Bin voll ins Fettnäpfchen getreten. Sicher war sie älter.

 

„Mein Exfreund ist ein Widder“, sagte sie nach einem Weilchen.

 

„Hä? Ein Schaf?“

 

„Ich rede von Sternzeichen!“, sagte sie. „Du hast doch nicht allen Ernstes gedacht, ich wäre mit ‘nem Schaf befreundet?

 

„Nö!“, log ich. Höchste Zeit, ihre Sympathien zurückzugewinnen: „Magst du noch ‘ne Rippe?“, fragte ich.

 

„Mir reicht EINE“, sagte sie tiefsinnig … und nahm noch ein Radieschen in die Hand. Wieder voll auf Gemüse. Keine Spur mehr von Fleischeslust. Von Radieschen zu Radieschen sah sie angezogener aus. War jetzt nur noch halbnackt.

 

„Du hast eine super Aura … Laura“, sagte ich. „Sicher warst du in deinem frühen Leben ‘ne Drachenmutter oder so was.“

 

Lauras Gesichtsfarbe passte sich vor Freude den Radieschen an. „Ich kann das Sternzeichen jedes Menschen erkennen“, sagte sie. „Kannst du mir deine Hand geben?“ Hä! Vollkontakt!

 

Laura fühlte meine Hand, runzelte die Stirn, plötzlich lächelte sie aber und sagte: „Auch eine Jungfrau?“

 

„Stimmt!“, rief ich, obwohl ich ein Skorpion war. Frauen freuen sich aber, wenn sie dein Sternzeichen erraten: Und wenn Frauen sich freuen … freue ich mich auch!

 

„Vor dir muss ich auf dem Hut sein“, sagte ich anerkennend.

 

„Das heißt, ‚auf der Hut sein‘“, sagte Laura. „Nicht ‚auf dem Hut‘.“

 

„Echt?“, sagte ich. „Ich dachte, das heißt ‚der Hut‘ und nicht ‚die Hut‘.“

 

„Es handelt sich hier nicht um den Hut als Kopfbedeckung“, sagte Laura. „Das ergibt doch keinen Sinn, vor jemandem auf dem Hut zu sein.“

 

„Warum denn nicht?“, sagte ich. „Vielleicht hat‘s im Mittelalter ein Rennen zu einem Hut gegeben. Wer zuletzt auf dem Hut stand, hat seinen Kopf verloren. Deswegen sagt man jetzt: ‚Ich muss vor dir auf dem Hut sein.‘“

 

„So was Bescheuertes habe ich noch nie gehört“, sagte Laura.

 

Sie stand auf und ging davon. Nur die Radieschen blieben von ihr übrig. Vor lauter Sehnsucht nach Laura habe ich mir eins nach dem anderen in den Mund geschoben. Schmeckten beschissen. Warum hab ich Depp nicht das Maul gehalten?

 

Laura kam mit einem neuen Radler zurück und starrte ihren leeren Teller an. „Du hast meine Radieschen gegessen? Das glaube ich nicht! Du bist keine Jungfrau, du bist ein Skorpion, oder?“

 

Jetzt ging sie endgültig weg, gleich tauchte aber im Biergarten Lucie auf, die eine Krebs-Frau war. Skorpion und Krebs – besser ging’s nicht!